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Wo bleibt die Leidenschaft?

Lei­den­schaft, die
Wortart: ℹ Substantiv, feminin

Leidenschaft für klassische Musik-viele Menschen besitzen sie im Kindesalter und verlieren sie im Laufe des Erwachsenwerdens. Sei es, durch das Spießerklischee, welches vielen Klassikfans aufgeschrieben wird oder weil Ihnen die Impulse, der Anreiz oder die Freude verloren gehen. Es gibt unendlich viele Gründe.
Und dann gibt es Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Leidenschaft wieder neu zu entfachen, den Eifer, für eine Sache zu brennen, erneut anzutreiben und anderen ein Leuchten in die Augen zu zaubern.
Der Dirigent Benjamin Zander versucht durch mitreißende Vorträge, wie diesen TED Talk 2008, die Leidenschaft an der Musik bei den Menschen wieder neu zu entflammen. In einer schnelllebigen Zeit einfach innezuhalten und den Klängen der Musik zu lauschen, scheint für die meisten fast unmöglich.

 

Casual Concert Lounge mit Live Act Leslie Clio | Fotos: Kai Bienert

Casual Concert Lounge mit Live Act Leslie Clio | Fotos: Kai Bienert

Laut Zander gibt es heutzutage nur noch eine Minderheit an Menschen, welche leidenschaftlich Klassik höre. Für sie gebe es „keine Leben außerhalb der Klassik.“ Eine zweite Gruppe an Menschen, welche den größten Teil ausmache, sei die, denen klassische Musik „nichts ausmacht.“ Die Klassik sei „nicht Teil ihres Lebens, aber Vivaldi im Hintergrund schade nie.“  Zuletzt spricht Zander über eine Gruppe, welche „kein musikalisches Gehör haben soll.“ Diese Gruppe gäbe es nicht, denn jeder Mensch habe in irgendeiner Art und Weise ein musikalisches Gehör, mit dem man beispielsweise anhand der Stimmlage am Telefon die Gemütsverfassung des Anderen erkenne.

KLASSIK Underground mit Anne-Sophie Mutter. Credits: KLASSIK Underground

KLASSIK Underground mit Anne-Sophie Mutter. Credits: KLASSIK Underground

Wieso aber verschwindet die Leidenschaft für klassische Musik immer mehr aus dem Leben vieler Menschen?

Bei einem Stück ohne Akzente schweift man früher oder später ab, so Zander. „Die Gedanken schleichen sich in die Köpfe“ und man denkt über Banalitäten wie die Einkaufsliste oder den nächsten Urlaubsort nach. Doch dann kommt das schlechte Gewissen, wenn man merkt: „Das ist Kultur, wach doch auf!“ Ein langer Arbeitstag und dann noch ein langes Stück – schlechte Kombi? Falsch! Man muss beginnen die klassische Musik zu verstehen und einen Bezug zu schaffen. Der Grund, warum klassische Musik viele Menschen müde macht, sind nicht sie selbst, sondern die Musiker.

Also braucht es neue Konzepte. Das Deutsche Symphonieorchester Berlin hat 2008 die Casual Concerts ins Leben gerufen, welche auch das jüngere Publikum ansprechen sollen. Einmal im Monat kommen Musikbegeisterte oder die, die es werden wollen, zusammen und lassen sich von Dirigenten durch das gesamte Stück führen. Im Anschluss dazu bietet die Casual Concert Lounge mit DJ und Liveact einen gelungen Abschluss.

© Stefan Hoderath — at Säälchen.

Yellow Lounge © Stefan Hoderath — at Säälchen.

Die Idee klassische Musik in einer lockeren Atmosphäre ans Publikum zu bringen, gibt es aber nicht erst seit 2008. Classic meets Clubbing- im Jahre 2002 wurde Yellow Lounge in der Berliner Club Szene von der Deutschen Grammophon / Universal Classics gegründet, um Klassik von ihrem angestaubten Klischee zu befreien. “Das Konzept: DJs legen klassische Musik auf. Alles von Bach bis Ligeti, wohl ausgesucht und durch raffinierte Übergänge miteinander verbunden. Gute Getränke, kommunikative Stimmung. Der Höhepunkt einer jeden Yellow Lounge ist der Live-Act”- ein Zugang zur Musik ohne Dresscode und strikte Regeln.

Auch die Musiker von KLASSIK Underground bringen den Casual Dresscode in Verbindung mit ihrer Musik. Bei den Aftershowsessions kommen Musiker und Publikum in Clubatmosphäre zusammen und erleben einzigartige Shows und Bühnenprogramme.

Wir würden uns wünschen, dass solche Projekte noch mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung erfahren. Denn es braucht mehr dieser Menschen, die es schaffen mit so viel Liebe und Respekt an der Musik, anderen ihre Leidenschaft näher zu bringen und die Grenzen zwischen Kulturen und Altersunterschieden aufzuheben.

 

Theresa Hünerbein

(Written on February 27, 2017 )